21. April 2017

Kirche trifft Digitalisierung: Social-Media-Gottesdienst im IT-Zentrum

AACHEN. Ein Rechenzentrum als Ort für einen Gottesdienst? Mit Kanzelreden von IT-Unternehmern statt einer Predigt und Jazzmusik statt Orgel und Gesang? Eine ungewöhnliche Verbindung zwischen jahrtausendealtem Glauben und brandmoderner Internetwelt wurde jetzt im Aachener Gewerbegebiet Süsterfeld geboten. Im Mittelpunkt des Social-Media-Gottesdienstes stand der digitale Wandel.

„Lassen Sie Ihre Smartphones ruhig an!“ Schon die Begrüßung durch Pfarrer Ralf Reimann, den Internetbeauftragten der Evangelischen Kirche im Rheinland, machte klar: Heute werden neue Pfade betreten.

Den digitalen Wandel hatten die rund 70 Besucher aus der ganzen Region denn auch buchstäblich die ganze Zeit über im Blick. Auf einer Social-Media-Wall, einem großen Wandbildschirm, wurden in Echtzeit Beiträge aus sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram eingeblendet, die von Anwesenden und Zuschauern im Internet unter dem Schlagwort #unverzagt2017 gepostet wurden. Wer wollte, konnte das Geschehen auch im Livestream auf der Webseite www.hier-stehe-ich.de verfolgen.

Die Veranstaltung war einer von 95 Gottesdiensten an ungewöhnlichen Orten zum 500-jährigen Reformationsjubiläum – die Ära des Buchdrucks sei schließlich ebenso eine Umbruchperiode gewesen wie die der Digitalisierung. Eingeladen hatten die Evangelische Kirche und die Evangelische Akademie im Rheinland, der Kirchenkreis Aachen und der IT-Dienstleister Synaix in die Firmenräume von letzterem. Drei sogenannte Kanzelreden von Aachener IT-Experten mit Bibelworten als Leitmotiven bildeten den Höhepunkt.

„Macht euch die Erde untertan“

Den Auftakt machte der Gastgeber, Synaix-Geschäftsführer Stefan Fritz, der sich den Spruch „Macht euch die Erde untertan“ (1. Mose 1, 28) gewählt hatte. „Untertan machen“ bedeute nicht, die Welt zu unterdrücken, sondern sie als Raum für positive Gestaltung anzunehmen. „Zu unserer heutigen Welt gehört der virtuelle Raum mit dazu. Auch für diese digitale Welt haben wir Menschen einen Gestaltungsauftrag.“

Fritz warb für einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Ressourcen und Möglichkeiten – sowohl auf Seiten der Nutzer als auch der Anbieter. „Wir müssen als Menschen keine Plattformen wie [die Mitfahrer-App] Uber nutzen, die uns einen niedrigen Preis auf Kosten anderer zur Verfügung stellen.“ Wenn nicht jedes Angebot auf Kosten und Effizienz hin optimiert werde, könnten Unternehmer und Konsumenten die digitale Welt „zu unser aller Wohl untertan machen“.

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk“

Das Bibelwort „Gerechtigkeit erhöht ein Volk“ (Sprüche 14, 34) stand im Fokus der Rede von Iris Wilhelmi, der Geschäftsführerin der lokalen Digitalisierungsinitiative digitalHUB Aachen. Viele Menschen fürchteten die negativen Folgen der Digitalisierung, etwa für den eigenen Arbeitsplatz. „Es wäre unverantwortlich, diese Ängste aus Begeisterung über neue Technologien pauschal von der Hand zu weisen“, sagte sie.

Die Lösung sei mehr Gerechtigkeit: gerecht verteilte Startchancen, gerecht verteilte Teilhabe an der Gesellschaft und gerecht verteilten Wohlstand. So sei die „Erhöhung“ eines Volkes, sprich: die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, möglich. „Soziale Marktwirtschaft balanciert Effizienz und Gerechtigkeit aus.“

„Da setzten sich viele Zöllner zu Tisch mit Jesus“

Um das Einbeziehen von Anderen ging es im dritten und letzten Vortrag von Felix Plitzko, dem Mitbegründer und Geschäftsführer von Aisler, einer Online-Plattform für Elektronikfertigung. Er hatte einen Satz aus dem Neuen Testament zum Leitwort genommen: „Da setzten sich viele Zöllner zu Tisch mit Jesus“ (Markus 2, 15).

Jesus behandelte die als Handlanger des römischen Reichs verhassten Zöllner als Gleichgestellte, um sie zu verstehen und unbekanntes Neues zu erschließen. „Wir sind alle Zöllner der Digitalisierung: Lasst uns also in eine positive Zukunft vertrauen, gemeinsam an einen Tisch setzen und zusammen nach Lösungen suchen.“

Den Abschluss bildete eine Lesung von Fürbitten, die über die sozialen Netzwerke eingelaufen waren. Von christlicher Nächstenliebe geprägt war etwa die Bitte von Wolfgang Loest. „Guter Gott, bitte hilf den Trollen, den Extremisten, den Hassenden und lass sie erkennen, wie falsch sie liegen“, twitterte er unter @wtlx. Etwas pragmatischer war der Wunsch von Kirsten Jetzkus und Elmo Menon. Unter ihrem Twitternamen @PHASEFUENF wünschten sie sich etwas anderes: „Immer genug Akku und schnelles Internet.“

Erschienen in: Aachener Zeitung, Lokales Aachen
Autor: Marc Heckert
Online-Ausgabe: 05.04.2017
Printausgabe: 21.04.2017

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