25. Februar 2016

Wie uns der Wechsel zum digitalen Geschäftsmodell gerettet hat

Wie uns der Wechsel zum digitalen Geschäftsmodell gerettet hat: Patrick Frenken und Felix Plitzko von AISLER - Foto: AISLER

Interview 

Stefan Fritz unterhält sich heute mit Felix Plitzko, Mit- Gründer und CEO von AISLER. Gemeinsam mit Patrick Franken hat er AISLER im Jahr 2014 gegründet und gemeinsam haben sie bereits einen Geschäftsmodell-Wechsel hinter sich. In diesem Interview erzählt Felix ein wenig über die Hintergründe ihres Geschäftsmodells, wie sie ursprünglich gestartet sind, was sie mit ihrer frisch gestarteten Plattform vorhaben und was die Euregio als Standort für sie bedeutet.

Was macht AISLER – wie funktioniert Euer Geschäftsmodell?

Mit über 20.800 Projekten ist AISLER heute die führende Plattform für den Zugang zu Open Source Hardware-Projekten weltweit. Wir zeigen Makern oder Nutzern, die es gerne werden wollen, diese Projekte an und bewerten jedes Projekt automatisch nach seiner Dokumentationsqualität, Baubarkeit, Verfügbarkeit der einzelnen Bauteile und ordnen es einem Schwierigkeitsgrad zu. Wir nennen dies „Makeability“, da es für Nutzer transparent darstellt, ob ein Projekt in seinem aktuellen Zustand nachbaubar ist. Somit machen wir jedes im Web verfügbare Open Source Hardware Projekt, ob Effektpedal für E-Gitarre, Hausautomationssystem oder Arduino-Erweiterung, jedermann zum Nachbau zugänglich. Da eine weitere Hürde zum Selbstbau die Beschaffung der Bauteile ist, wird AISLER in naher Zukunft auch alle als nachbaubar bewerteten Projekte als Selbstbau-Kit anbieten. Somit sind sowohl Baupläne und Beschreibungen als auch Selbstbau-Kits direkt aus einer Hand verfügbar.

War das von vornherein Euer Geschäftsziel? Soweit ich weiß, war Eure Lösung ursprünglich auf  Technisches Projektmanagement ausgelegt.

Das stimmt, eigentlich wollten wir die aus der Software-Entwicklung bekannte Versionskontrolle auf Hardware-Entwicklung übertragen. Im Vergleich zu Software sind dabei noch deutlich mehr Abhängigkeiten zu beachten. Hierzu hatten wir einen einfachen Prozess in Software implementiert, der es jedem Ingenieur ermöglichen sollte, zu einem beliebigen Zeitpunkt seinen Entwicklungszustand einzufrieren. AISLER verarbeitete dann diese Daten und sollte die damit einhergehenden Abhängigkeiten schnell visualisieren. Hier konnten wir als Gründer unsere Erfahrung aus der Geschäftsprozess-Optimierung einerseits und der Softwareentwicklung im Maschinenbau andererseits ideal miteinander kombinieren. Wir haben versucht, dies als Lösung für technisches Projektmanagement an Hardware-orientierte Unternehmen zu verkaufen. Allerdings skalierte diese Lösung sehr schlecht, da wir feststellen mussten, dass Ingenieure ein anderes Konzept von Versionskontrolle verfolgten. Somit wären sowohl Schulungsaufwand als auch Vertriebsaufwand sehr hoch geworden, weil sich jeder potentielle Kunde in seinem Entwicklungsprozess unterschied. Nach über einem Jahr Entwicklung stellten wir fest, dass der professionelle Markt für eine Plattform, wie wir sie uns vorgestellt hatten, nicht geschaffen war. Wir waren aber weiterhin davon überzeugt, dass unser System im Kern einen deutlichen Mehrwert mitbringt und haben uns nach anderen Anwendungsfällen umgesehen.

Jetzt seid Ihr eine Plattform für Open Source Hardware Projekte. Wie seid Ihr auf diesen Ansatz gekommen und was verbindet Euer Geschäftsmodell in digitaler Form?

Die Umorientierung auf den Open Source Hardware Markt löste gleich mehrere Herausforderungen. Zunächst existierten bereits zum Zeitpunkt der Entscheidung eine große Menge an veröffentlichten Projekten. Des Weiteren hat sich die Anzahl der Projekte in den letzten fünf Jahren versechsfacht und der Markt auf etwa 1,2 Milliarden US-Dollar vergrößert. Dennoch sind viele der Projekte kaum aufzufinden, da keine der existierenden Plattformen eine saubere Projektsuche anbietet. Hier konnten wir schnell durch unser Know-How eine gut funktionierende Suchmaschine aufsetzen. Zudem half unsere Erfahrung im Umgang mit diversen Abhängigkeiten in der Hardware-Entwicklung, einen für jedermann nachvollziehbaren Bewertungsalgorithmus zu entwickeln. Diese Bewertung hilft uns wiederum, die Bestellbarkeit der Projekte sicher zu stellen. Somit entfällt eine manuelle Prüfung für jedes Projekt, welche sehr kosten- und zeitaufwändig wäre.

AISLER: Plattform für Open Source Hardware-Projekte mit „Makeability“- Bewertung

AISLER: Plattform für Open Source Hardware-Projekte mit „Makeability“- Bewertung

Faire Plattformen sind dadurch gekennzeichnet, dass alle Beteiligten von ihnen profitieren. Du hast eben schon über die Punkte „Makeability“- Bewertung und bald auch Bestellmöglichkeit gesprochen – das sind die Vorteile für die Anwender. Welchen Nutzen haben die Autoren der Projekte bzw. gibt es noch weitere Gruppen, die von Eurer Plattform profitieren können?

Die Autoren haben oft Schwierigkeiten, ein Projekt in der Open Source Hardware Community sichtbar zu machen. Hier schaffen wir eine klare Alternative und bieten eine transparente Plattform, welche mit wenig Arbeit für den Autor einen deutlichen Zuwachs an Sichtbarkeit bedeutet. Zudem lädt unser System dazu ein, weitere Mitstreiter für die Weiterentwicklung des Projekts zu rekrutieren. Im Gegensatz zur Open Source Software ist dies bei Hardware leider nur mit Zugang zu einer physikalischen Kopie des Projekts möglich. Da wir diese über AISLER einfach beschaffbar machen werden, fällt die Zusammenarbeit hier deutlich leichter.

Des weiteren stellen wir sicher, dass ein Projekt-Autor immer an den Einnahmen der Bausätze mitverdient, sofern er sein Projekt validiert. Dies ist leider keine Selbstverständlichkeit in der Branche. Normalerweise werden populäre Projekte sehr schnell von anderen Parteien geklont und vertrieben, ohne die Autoren entsprechend zu vergüten. Dieser Kehrseite von Open Source Hardware versuchen wir durch unser Partizipationsprinzip entgegen zu wirken. Damit wollen wir die Autoren stärken und letztlich noch mehr Autoren dazu bringen, ihre technischen Innovationen zu veröffentlichen.

Ein weiterer positiver Effekt kommt mit unserer Makeability-Bewertung auf Zulieferer-Seite zum Tragen. Zum einen organisieren wir Bausätze für Nutzer, die ansonsten kaum an die notwendigen Bauteile herangekommen wären und zum anderen vereinfachen wir die Abläufe bei den Zulieferern. Somit profitieren unsere Zulieferer von deutlichem Mehrgeschäft, und können gleichzeitig mehr Zeit in ihr Kerngeschäft investieren.

Das klingt doch nach einer wirklich fairen Plattform – wir wünschen Euch viel Erfolg dabei! Zum Abschluss noch eine Frage zur Bedeutung des Standorts für Euch. Auf Eurer Webseite schreibt Ihr ja „Crafted with ♥ in the Euregio”. Warum ist unsere Region ein guter Standort für Euch?

Für uns ist AISLER ganz klar ein Produkt seiner Umgebung. In der Euregio, also der Region, die das Grenzgebiet Aachen, Maastricht und Hasselt umschließt, finden sich geballte technische und vertriebliche Kompetenz. Hier konnten wir früh auf ein Netzwerk an Mentoren zurückgreifen, die sowohl Industrieexpertise – Aachen ist ja eine Hochburg für Unternehmen in der Elektrotechnik und Informatik – als auch Marketingexpertise mit sich brachten. Zudem konnten wir nach unserer Neuausrichtung auf Maker setzen, die europaweit sehr gut vernetzt sind. Alles in allem konnten wir als Teil dieser Umgebung stark vom Wissen der hier ansässigen Unternehmen und Endkunden profitieren, und sowohl unser erstes Geschäftsmodell als auch unsere Plattform ideal testen. Wir glauben fest daran, dass die hier ansässige Kompetenz auch in Zukunft stark zu unserem Wachstum beitragen wird.

Open Source Hardware hat einen stark liberalisierenden und demokratisierenden Effekt, denn sie macht Innovationen für jedermann zugänglich. Mit AISLER möchten wir diesen Effekt deutlich verstärken. Unser langfristiges Ziel ist es, die Community durch unsere Plattform deutlich zu vergrößern, die Position der Autoren zu stärken und jedem weltweit Open Source Hardware zugänglich zu machen.

 

Das Interview führte Stefan Fritz

stefan.fritz

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