30. April 2015

Plattformen: Krieg und Frieden – Teil 1: Der Kampf um den Desktop

Microsofts Vision - Screenshot: Microsoft Build 2015 Keynote - Live Event (Over) von Tech & Fixes https://www.youtube.com/watch?v=Cuvmh2Hhdhk

Wir starten eine Serie, in der wir Aspekte verschiedener Strategien von Plattform-Geschäftsmodellen beleuchten, die uns im B2C- und B2B-Bereich begegnen. Den Auftakt bildet aus aktuellem Anlass die Plattform Desktop.

Seit Jahren hat Microsoft im Desktop-Bereich eine komfortable Vormachtstellung. Durch den technologischen Wandel gewinnt jedoch die mobile Welt zunehmend an Bedeutung. Dort regiert Google mit seiner Android-Lösung. Und beide Player haben große Ambitionen, in die jeweils andere Plattform vorzudringen und sich darin ihren Platz zu erobern.

Google hat bereits im letzten Sommer mit dem Vorstoß aus der vom Erfolg verwöhnten Mobile-Welt in die Desktop-Welt begonnen, und will damit die Chromebook-Sparte aus ihrem bisherigen Schatten-Dasein holen. Im September 2014 hatte das Unternehmen die ersten Apps vorgestellt, die auf dem Chromebook laufen, und die Nutzer aufgerufen, ihre Lieblings-Apps zu benennen, die sie dort ebenfalls sehen möchten. Inzwischen ist Google noch einen Schritt weiter: Mit dem Projekt App Runtime for Chrome – derzeit in einer Beta-Phase für Entwickler – können Android-Apps fit gemacht werden für die Nutzung im Chrome-Browser – egal unter welchem Betriebssystem. Für Google ist dieser Expansionskurs ein konsequenter Schritt seiner Erweiterungsstrategie.

Microsoft versucht, den Erfolg seiner Cash-Cow Desktop die Mobile-Welt zu übertragen, und hat jetzt auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz Build vergleichbare Pläne vorgestellt. Dabei will der Software-Konzern sich aber nicht auf die Desktop-Ebene beschränken, sondern die Nutzung von Android-Apps und iOS-Apps unter Windows 10 auf allen Geräten seiner Produktpalette ermöglichen.

Mit diesem Schritt kann Microsoft den größten Mangel der eigenen mobilen Plattform beheben: die fehlende App-Auswahl für Windows Phone und Tablets. Die Möglichkeit zur Nutzung der Apps auf dem Desktop entsteht dabei quasi als Abfallprodukt. Ein durchaus riskantes Spiel: Zum einen besteht die Gefahr, die bisherigen Programmierer für die mobile Windows-Welt vor den Kopf zu stoßen. Zum anderen könnten die Nutzer Gefallen finden am Handling der Android- und/oder iOS-Apps finden und dann gleich das Basisprodukt wechseln. Um erst gar kein „Android-Feeling“ oder „iOS-Touch“ aufkommen zu lassen, sollen die Apps in sogenannten Containern bereitgestellt werden. Weitere Infos zur technischen Umsetzung sind für die nächsten Tage angekündigt. Angaben zum Marktstart von Windows 10 wurden bislang nicht gemacht.

Der Kampf um den Desktop führt uns vor Augen, dass die Marktstellung sich auch gegen einen Anbieter wenden kann, der mit seiner Plattform auf absolute Marktdominanz zielt. Dann gilt es zu entscheiden, ob man seine Vormachtstellung kompetitiv verteidigen oder kooperativ mit anderen Marktteilnehmern weiterentwickeln will.

(Barbara Schilling)

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